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Horst Seehofer - Der geläuterte Patient

Was der CSU-Gesundheitsexperte Horst Seehofer aus seiner langen Krankheit über sich selbst und über die Politik lernte

Von Hans Holzhaider

(SZ vom 22.07.2002) Ingolstadt, im Juli – Horst Seehofer neigt nicht zum Pathos. Aber diese drei Wochen, in denen er zur Untätigkeit verdammt, verschlaucht, verdrahtet, auf der Intensivstation im Klinikum Ingolstadt lag, haben seine Sicht auf das Leben verändert, da gibt es überhaupt keinen Zweifel.

Kleine Dinge, oder vermeintlich kleine Dinge, sind wichtig geworden, vermeintlich große Dinge weniger wichtig. „Wenn Sie so in Sichtweite des Todes sind“, sagt der 53-Jährige, „dann denken Sie unter anderen Aspekten über Ihren Lebensstil nach. Zum Beispiel, dass ich nie zu den Geburtstagen meiner Kinder zu Hause war. Das ist doch eigentlich schofelig.“

Sein Leben als Politiker – seit 22 Jahren ist er jetzt Mitglied des Deutschen Bundestags – sieht er jetzt in neuem Licht: „Man wird getrieben durch Ehrgeiz, Karriere, Eitelkeit. Ich muss nicht mehr der Hans Dampf in allen Gassen sein. Ich muss nicht glauben, dass eine Versammlung nur dann stattgefunden hat, wenn ich ein Grußwort gesprochen habe. Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter.“

Die Krankheit war gekommen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. „Das war undenkbar für mich bis zu diesem Zeitpunkt“, sagt Horst Seehofer. Er hatte, soweit man das von einem Politiker überhaupt sagen kann, gesund gelebt. „I rauch’ net, i trink’ net.“ Er hatte keinen Bluthochdruck, kein überschüssiges Cholesterin, kein Übergewicht.

Leberwerte wie ein Abstinenzler, die Herzkranzgefäße geradezu jungfräulich. In seiner Zeit als Gesundheitsminister, 1992 bis 1998, hatte er sie alle das Fürchten gelehrt, die Ärztelobby, die Krankenhausmanager, die Pharmaproduzenten.

Jetzt hat er das Gesundheitswesen aus einem neuen Blickwinkel kennen gelernt – dem des Patienten. Horst Seehofer war, das kann man sagen, ohne die Sache zu dramatisieren, am Rande des Todes.

Es begann im Dezember 2001 mit den Symptomen eines harmlosen grippalen Infekts. Seehofer hatte für solche Fälle sein Hausmittel, nicht verschreibungspflichtig.

In die Apotheke schickte er Ehefrau Karin, „damit ich nicht beschimpft werde“. Vor Weihnachten war er eine Woche im Benediktinerkloster, das macht er jedes Jahr, das volle Programm, Gebete, Frühmesse, und während die Mönche arbeiteten, schrieb er in seiner Zelle am gesundheitspolitischen Teil des CSU-Wahlprogramms.

Die Krankheit kam in Schüben, Mattigkeitsgefühl, Schüttelfrost, ein lästiger Husten. Weihnachten fühlte er sich gut, aber an Dreikönig, bei der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe in Wildbad Kreuth, ging es ihm richtig dreckig. Der kurze Weg vom Parkplatz zum Tagungsgebäude strengte ihn so an, dass er keine Luft mehr hatte, um die Fragen der Journalisten zu beantworten.

„Du schaust aus wie der leibhaftige Tod“, sagte Theo Waigel. „Aber ich hab’s immer noch für eine Grippe gehalten“, sagt Seehofer. „Das war die Phase der Verdrängung.“

Zu Hause in Gerolfing wurden die Atemnot und der Husten so stark, dass Seehofer im Bett seines Sohnes Andreas nächtigte, um die Frau nicht zu belästigen. Er verbrachte zwei Nächte sitzend am Bettrand. „Zum Stehen war ich zu schwach, im Liegen bekam ich keine Luft.“

Er bemerkte, dass seine Füße angeschwollen waren. „Da begann die zweite Phase: Angst.“ Ehefrau Karin, die Kinder bedrängten ihn: Geh zum Arzt. „Aber ich hab das abgewehrt. Ich bin immer grantiger geworden. Ich hab mich nicht hingetraut.

Ich hab schon gehört, wie er sagt: Da ist ein Schatten auf der Lunge.“ Am dritten Tag, als die Kinder in der Schule waren, stieg er die Treppe hinunter zu seiner Frau. „Das war mein schlimmster Gang. Ich sagte: ,Ich muss kapitulieren‘.“

Der Hausarzt kam, maß Puls und Blutdruck, hörte die Lunge ab, legte das Stethoskop weg und sagte: „Ich kann dir nicht mehr helfen.“ Blutdruck 220, Puls 140, Wasser überall: „In deinem Körper rauscht es nur noch.“ Seehofer wollte an diesem Tag noch nach Frankfurt, um einen Vortrag vor Zahnmedizinern zu halten. „Ich sagte: ,Es gibt doch Tabletten zur Entwässerung. Die gibst du mir jetzt, und wenn es am Montag nicht besser ist, geh ich ins Klinikum." „Nein“, sagte der Arzt, „jetzt entscheidet der Mediziner, nicht der Politiker.“

Ein Herz wie ein Kürbis

Eine Stunde später lag Horst Seehofer auf der Intensivstation des Klinikums Ingolstadt, „es piepste überall, lauter Kurven, die durcheinander gingen, aber ich war froh: Ich war in Obhut“. Die Röntgenaufnahme zeigte in der Lunge nur Wasser, keine Geschwulst.

Beim Ultraschall fiel zum ersten Mal das Wort Myokarditis: eine Entzündung des Herzmuskels, wahrscheinlich hervorgerufen durch einen Virus. „Am zweiten Abend“, erzählt Seehofer, „kommt der Arzt, zieht sich einen Hocker ans Bett, und erklärt mir, dass das eine potenziell lebensbedrohliche Angelegenheit ist, dass es, außer einer Transplantation, keine operative Möglichkeit gibt, dass man nur darauf hoffen kann, dass der Körper das alleine schafft.“

Ruhe sei jetzt das Wichtigste, totale Ruhe. „Ich müsse jetzt, sagte er, in Monaten denken, nicht in Wochen.“ Im Ultraschall-Kardiogramm sah Seehofer sein eigenes Herz, unnatürlich vergrößert, „es sah eher wie ein Kürbis aus als wie ein Herz“, und die Herzleistung betrug nur zehn Prozent der Normalleistung, das ist sehr wenig.

„Es bestand die akute Gefahr, dass da was reißt, und das wäre nicht reparabel gewesen. Ich fragte ihn, was geschehen wäre, wenn ich nicht ins Krankenhaus gekommen wäre. Er sagte ganz trocken: , Sie hätten Frankfurt nicht erreicht‘.“

Das Loslassen, sagt Seehofer, das vielen Politikern so schwer falle – er habe es als Befreiung erlebt. Er habe sich an einen Vortrag erinnert – „einen der besten, den mein Büro jemals für mich vorbereitet hat“ – mit dem Titel „Der Tod gehört zum Leben“. Dass man den Tod nicht als etwas Furchtbares begreifen dürfe, dass man sich mit der täglichen Präsenz des Todes im Leben auseinander setzen müsse. „Das ging mir jetzt alles durch den Kopf. Ich war mental vorbereitet. Meine Schwierigkeiten waren eher körperlicher Natur.“

Dass er sich dem Regiment der strengen Oberärztin beugen musste, wann er ins Badezimmer, wann auf die Toilette durfte. „Dass ich zwei Stunden schlafen musste, wenn ich eine halbe Stunde mit meiner Tochter geredet hatte.“ Nach einiger Zeit hatte sich die Herzleistung von zehn auf 30 Prozent erhöht. „Da kann man schon wieder Zähne putzen und Haare waschen. Man relativiert sehr stark in so einer Situation. Man kriegt ja alles mit auf der Intensivstation. Man hört, wie die Ärzte zu Angehörigen sagen: Keine Hoffnung. Und dann stuft man sich zu denen ein, die Heilungschancen haben.“

Die Politik musste draußen bleiben in dieser Zeit. Stoiber kam einmal vorbei, mit seiner Frau, nach dem politischen Aschermittwoch in Passau. Der Chefarzt zeigte ihm einen Film von einem gesunden Herzen im Vergleich mit Seehofers Herz. Das genügte. „Er sagte, im Herbst, da braucht er mich.“ Der Herbst war sehr weit weg in diesem Augenblick.

Nach fünf Wochen, davon 21 Tage auf der Intensivstation, wurde Seehofer in die Rehabilitationsklinik Höhenried entlassen. „Ich stand zum ersten Mal wieder im Freien, auf einem normalen Weg, und ohne Therapeutin hatte ich nicht den Mut, diesen Weg da entlangzugehen.“

Es ging in winzig kleinen Schritten aufwärts. „Ich fragte immer: Hat sich was verändert? Und der Arzt sagte: grenzwertig. Das heißt so viel wie: nicht der Rede wert.“

Ostern ließ man ihn nach Hause, drei Wochen später ergab das Kardiogramm 50 Prozent Herzleistung. „Ich hab gesagt, das kann ich gar nicht glauben.“ Inzwischen ist die Leistung auf 65 Prozent angestiegen, und vor ein paar Wochen haben die Ärzte dem 53-Jährigen erklärt, er könne seinen Beruf wieder ausüben, uneingeschränkt. „Es ist ein sehr schönes Gefühl“, sagt Horst Seehofer. „Wenn man so weit unten war, dann braucht man eine gewisse Zeit, um das zu begreifen.“

Und was hat der Ex- und vielleicht künftige Gesundheitsminister gelernt aus dieser Zeit „ganz unten“? Ein bisschen leistet der Patient Abbitte für den Politiker: „Ich glaub’, dass ich in mancher Diskussion den Ärzten und Pflegekräften Unrecht getan habe. Ich hab sie immer unter das ökonomische Diktat gestellt, ich hab gesagt, ihr könnt noch mehr leisten. Ich glaube jetzt, wir müssen nicht die Ärzte und Pflegekräfte reformieren, sondern die Bedingungen, unter denen sie arbeiten.“

Und auch seine eigenen Arbeitsbedingungen, hat Seehofer erkannt, müssen reformiert werden. Also bleibt er heute ohne Skrupel auch mal daheim, wenn in Berlin die Fraktion tagt. Also hat er sich eine Vespa gekauft, Helm und Knieschützer dazu, und fährt an schönen Samstagabenden gemütlich übers Land.

Schaut sich hier einen alten Baum an, schwatzt dort mit einem Bauern auf dem Feld. „Das ist unbeschreiblich, wie intensiv Sie das erleben. Ich hoffe, dass das anhält.

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